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  BHUTAN – NEPAL 10.04. – 26.04.2010

 

Eine Reise in die Stille

 

Fotos zu diesem Reisebericht findet man hier

 

 

 

 

Die Idee, Bhutan zu bereisen, kam uns, als wir im Dezember 2009 eine Talkrunde im Fernsehen verfolgten, die sich mit dem Thema Glück befasste. Es wurde darüber berichtet, dass es einen kleinen Himalajastaat gibt, in dem die Menschen überdurchschnittlich glücklich sein sollen. Das Glück der Bevölkerung hat im Land oberste Priorität, der König der konstitutionellen Monarchie nennt es „Gross National Happiness“, das heißt soviel wie Bruttosozialglück und ist in Bhutan wichtiger als das Bruttosozialprodukt. Es ist ein Konzept des vorletzten Königs und ist übergeordnete Richtschnur, wenn es um Entwicklung und Fortschritt im Land geht, es wurde sogar in die Verfassung aufgenommen. Untersucht man die Idee genauer, steht das Bruttosozialglück auf 4 Säulen. Das gefühlte, individuelle Glück eines jeden Bhutaners soll durch wirtschaftliche Entwicklung, durch den Schutz der Kultur, durch den Schutz der Natur und durch gute Staatsführung eine stabile Grundlage erhalten. Viele Inhalte des Konzeptes haben ihre Wurzeln im kulturellen Erbe und im Buddhismus. Dort ist "Entwicklung" gleichbedeutend mit zunehmendem Wissen und persönlicher Erleuchtung. Dieser Weg ist unabdingbar, um die drei Grundübel Unwissenheit, Hass und Habgier zu überwinden. Vor diesem Hintergrund soll der Begriff des Bruttosozialglücks ausdrücken, dass "Entwicklung" mehr Dimensionen aufweist als nur die eines gesteigerten Bruttosozialprodukts und dass es einer Balance zwischen Materialismus und Spiritualität bedarf.

In der Fernsehsendung wurde ein kurzer Film über Bhutan gezeigt und wir waren sofort fasziniert von den Bildern. Von der Natur, den Bergen, den Menschen, der Kultur, aber auch davon, dass in diesem Land der Buddhismus noch unverfälscht zu erleben ist und dass es noch reichlich religiöse und kulturelle Schätze gibt, die einem Krieg und damit der Zerstörung entgangen sind. Ein persönliches Interesse am Buddhismus meinerseits und der Wunsch, gelebtem Buddhismus zu begegnen und nicht nur den manchmal seltsam anmutenden, kommerzialisierten Abklatsch, der bei uns im Westen populär geworden ist, ließ mich sicher werden, dass Bhutan das richtige Reiseziel sein würde.

Bhutan hat etwa die Größe der Schweiz, ist aber mit ca. 700.000 Einwohnern recht dünn besiedelt. Das Land besteht zum großen Teil aus 3000 – 5000 m hohen Bergen, die sich im Norden zu mächtigen 7000ern erheben. Im Süden ist das Land flacher und entsprechend milder ist dort das Klima. Die Baumgrenze liegt viel höher als z.B. in den Alpen, daher findet man auf 4000 m Höhe durchaus noch Bäume. Grenzländer sind im Westen, Osten und Süden die indischen Bundesstaaten Sikkim, Westbengalen, Assam, Arunachal Pradesh und im Norden Tibet (China). Viele Täler sind schwierig zu erreichen, es gibt nicht nach überall hin Verbindungen, die vorhandenen Straßen sind schmal, sehr kurvenreich und uneben. Die durchschnittliche Geschwindigkeit mit dem Auto liegt, um den Magen der Touristen zu schonen, bei 40 km/h – ohne empfindliche Passagiere fahren die Bhutaner durchaus auch schneller.

Bhutan war bis vor wenigen Jahren ein nach außen abgeschlossenes Königreich, das sich erst nach und nach der Welt geöffnet hat. Fernsehen gibt es z.B. erst seit 1999 und es war somit das letzte Land der Erde, in dem das Fernsehen Einzug hielt. Internet gibt es seit 2001 und Mobilfunk erst seit 2004. Im Juli 2008 wurde Bhutan konstitutionelle Monarchie und der jetzige König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Land auf sanfte Weise in die Moderne zu führen, gleichzeitig versucht er aber, Traditionen zu bewahren und die Kultur zu schützen. Der Einfluss der westlichen Welt, der über Fernsehen und Internet das Land überschwemmt, ist bis jetzt fast ausschließlich in der Hauptstadt Thimphu spürbar. Wir haben uns während dieser Reise immer wieder gefragt, wie lange man noch eine authentische Kultur in Bhutan finden kann. Die Verwässerung durch den Westen findet bereits statt. Andererseits ist es durchaus verständlich, dass auch die Menschen in einem entlegenen Himalajastaat nach Fortschritt streben. 

Wir planten unsere Reise über ein Internetreisebüro für Individualreisen, das einzelne Bausteine anbietet, die man nach Herzenslust kombinieren kann. Die Flüge haben wir separat im Internet gebucht. Bei der Gelegenheit, Bhutan über Nepal erreichen zu können, haben wir uns entschieden, einen Zwischenstopp in Kathmandu einzulegen und diese Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Teil der Reise sollte auch ein Trekking sein, mit dem wir erfahren wollten, ob das Trekken in diesen Höhen überhaupt etwas für uns ist. In Bhutan ist es nicht erlaubt, ohne Guide und Fahrer unterwegs zu sein, allerdings sind Touren zu zweit oder auch ganz alleine (mit Fahrer und Guide) durchaus möglich, ja sogar viel häufiger als Gruppenreisen. Insgesamt verteilt sich die Handvoll Touristen in dem kleinen Land so, dass man nur wenigen begegnet. Das Gerücht, dass nur eine bestimmte Anzahl an Touristen ins Land gelassen wird, stimmt nicht, es ist vielmehr so, dass sich die Zahl durch die wenigen Unterkünfte und durch den hohen Tagessatz, den ein Tourist bezahlen muss (z. Zt. 200 US-Dollar, die mit Unterkunft, Essen und Guide verrechnet werden), von selbst beschränkt.

 

1. / 2.Tag: Flug nach Delhi – Flug nach Nepal

 

Wir fliegen um 20.20 Uhr nonstop von München nach Delhi und erreichen nach einer Nacht völlig ohne Schlaf um 7.00 Uhr Ortszeit die Hauptstadt Indiens. Nachdem wir uns nach unserem Weiterflug nach Kathmandu erkundigt haben, erfahren wir, dass wir das Flughafengebäude verlassen müssen, nur um wieder beim Haupteingang in selbiges hinein zu gehen. Als wir dies versuchen, werden wir vom Türsteher am Eingang, der einen Blick auf unser E-Ticket nach Kathmandu wirft, mit der Erklärung abgewiesen, dass es noch zu früh für diesen Flug sei, wir sollen in einer Stunde wieder kommen. Gut, dass es nicht schon 30 Grad hat und wir völlig übermüdet sind. Dann gehen wir eben zum nächsten Kiosk und frühstücken erst einmal. Nach einer Stunde warten und Leute angucken finden wir endlich Einlass und nach dem Einchecken haben wir fast bis Mittag Zeit, sind aber froh, dass es in den Wartehallen kühl ist, denn draußen steigt das Thermometer langsam aber sicher auf 40° Grad. 

Der Flug nach Nepal startet mit einer halben Stunde Verspätung. Die Landung im Kathmandutal ist ein klein wenig abenteuerlich, da die Berge dem Flugzeug gefährlich nah zu kommen scheinen und der Wind die Maschine ordentlich durchschüttelt. Nachdem wir eine Menge Formalitäten erledigt und unser Visum bekommen haben, nehmen wir ein Prepaidtaxi in die Stadt zu unserem Hotel. Auf der Fahrt sehen wir schon ein wenig von Kathmandu, vor allem den enormen Verkehr, die vielen Mopeds und Tiere auf den Straßen. Alles ist so laut, die Stadt ist schmutzig und sehr, sehr staubig, viele Menschen tragen einen Mundschutz. Als wir unser Hotel erreichen und schließlich den ruhigen Innenhof betreten, ist das wie eine Oase der Ruhe mitten im Getümmel. Das Hotel Vajra ist eine hübsche kleine Unterkunft im nepalesischen Stil und nicht weit entfernt von Swayambhunath, dem Affentempel, den wir morgen besuchen wollen.

Nach ein bisschen Schlafen und Ausruhen gehen wir Essen und erkundigen uns danach beim Portier nach einem Taxi für morgen früh. Der meint nur, dass morgen gar nichts geht, da die Taxis streiken. Wir sind enttäuscht und wissen nicht recht, wie wir nun den nächsten Tag gestalten sollen. Wir wollen erst einmal schlafen und alles weitere morgen entscheiden.

 

3.Tag: Kathmandu

 

Wir stehen früh auf und erkundigen uns noch einmal nach einem Taxi. Ein anderer Portier sitzt nun am Tresen und für ihn stellt es kein Problem dar, einen Angestellten des Hotels als Taxifahrer zu organisieren. Nach einem schnellen Frühstück sitzen wir um 8.00 Uhr im Auto und fahren zum Stupa von Bodnath.

Kurze Definition des Sanskritbegriffs Stupa (Tibetisch: Chörten oder Chorten): Der Stupa (im Deutschen ist auch die weibliche Form gebräuchlich) ist ein Denkmal, ein Symbol für den Buddha und den Dharma (die Lehre Buddhas). Ein Stupa ist ursprünglich ein Grabhügel für die Bestattung von Königen in Indien und reicht bis in die prähistorisch-megalithische Zeit zurück. Seit dem frühen Buddhismus werden in einem Stupa Reliquien des Buddha und später von herausragenden Mönchen (Arhat) aufbewahrt. Er wurde Ausgangspunkt der Buddha- und Arhatverehrung Der Stupa wird von Buddhisten rituell im Uhrzeigersinn umkreist.

Bodnath liegt etwa 8 km nordöstlich vom Stadtrand entfernt und nach der Fahrt durch das schon morgens sehr belebte Kathmandu treten wir durch ein Tor, erblicken diesen mächtigen Stupa und sind plötzlich in einer ganz anderen Welt. Die Morgensonne taucht den Platz in mildes Licht, der Geräuschpegel ist weitaus niedriger als draußen auf der Straße. Die Läden rund um den Platz, die hauptsächlich buddhistische Andenken verkaufen, öffnen gerade ihre Pforten und Gläubige sind schon dabei, den Stupa im Uhrzeigersinn zu umrunden. Sie drehen Gebetsmühlen, entzünden Räucherwerk und Butterlampen oder praktizieren eine Folge von Niederwerfungen als Geste tiefster und innigster Verehrung. Wir lassen uns um den Stupa treiben und fühlen uns aufgenommen in den Kreis der Gläubigen. Mönche füttern Tauben und Hunde, als Handlung des Mitgefühls an alle fühlenden Wesen. Die Mönche sind kontaktfreudig und einer bittet mich sogar, ihn zusammen mit Roland zu fotografieren. Als ich ihm das Foto auf dem Display zeige, blitzen seine Augen schelmisch und man merkt, dass ihm diese Technik sichtliche Freude bereitet. Da die meisten Stupas nicht begehbar sind, dieser jedoch schon, nutzen wir die Gelegenheit und steigen die gemauerten Stufen nach oben. Von hier hat man einen interessanten Blick auf die Umgebung, über uns erstreckt sich ein tief blauer Himmel, der von vielen bunten Gebetsfahnen durchzogen ist. Am liebsten würden wir noch viel länger an diesem schönen Ort verweilen, aber unsere Zeit ist begrenzt und wir wollen ja noch mehr von Kathmandu sehen. Also machen wir uns auf den Weg und suchen unseren Fahrer, der draußen auf uns gewartet hat. Er bringt uns zu Swayambhunath, dem Affentempel, der neben Borobudur auf Java in Indonesien als einer der ältesten buddhistischen Tempelanlagen der Welt gilt. 

Es ist schon deutlich wärmer geworden, als wir auf der untersten der 356 Stufen stehen, die zum Tempel hinauf führen. Der 1407 m hohe Berg, auf dem der Tempel steht, wird an seinem Fuß unaufhörlich von Buddhisten im Uhrzeigersinn umkreist, die sich dabei häufig auf die Erde werfen, um den Weg mit ihrer Körperlänge abzumessen. Wir treffen auf einen heiligen Mann, der uns mit dem roten Punkt segnet. Diese hinduistische Segnung darf einen hier nicht verwundern, denn Swayambhunath wird auch von vielen Hindus verehrt und besucht. Wir steigen die Stufen durch den schattigen Wald hinauf und begegnen einer Menge Rhesusaffen, die am Hang des Berges leben und dem Tempel seinen Beinamen gegeben haben. Die Äffchen spielen mit den Gebetsfahnen, toben umher und betteln manchmal um Futter. Schon beim Hinaufgehen sind einige sehr schöne Buddhastatuen zu sehen und auch Unmengen von hübschen bunten Manisteinen, auf denen das Mantra “Om Mani Padme Hum“ geschrieben steht. Pilger, darunter einige sehr alte Leute, steigen den beschwerlichen Weg zum Tempel hinauf, auch wir sind nach einer Weile oben angekommen und bestaunen den Stupa mit den allsehenden Augen Buddhas, die golden in der Sonne glänzen. Die Spitze des Stupas ist momentan leider eingerüstet, aber diese Tatsache tut ihrer Schönheit keinen Abbruch. Wir staunen über die Geschäftigkeit, mit der die Gläubigen sich hier ihren Segen holen, Gebetsmühlen drehen und sich durch Rituale von ihren Vergehen befreien lassen, um die Chancen auf eine gute Wiedergeburt größer werden zu lassen. Eine Menschenansammlung in der Hariti-Pagode fesselt unsere Aufmerksamkeit. Hier erflehen sich sowohl Hindus, als auch Buddhisten den Segen der Göttin, die als Hariti alle Kinder beschützt. Wir wundern uns zuerst, dass Hundewelpen umher getragen werden und junge Enten in einer Tasche sitzen, aber warum eigentlich nicht? Das sind doch schließlich auch alles Kinder - Tierkinder eben! 

Auch diesen beeindruckenden Ort verlassen wir nur äußerst ungern. Schließlich steigen wir aber den Berg wieder hinab und laufen zurück zu unserem Hotel, kaufen kurz Wasser und machen uns dann auf den Weg in die Stadt. Wir gehen am Fluss entlang, der eigentlich den Namen gar nicht mehr verdient, da er fast ausgetrocknet ist. Schließlich kommen wir zum Durbar Square, dem im Herzen der Altstadt gelegenen Palastplatz Kathmandus. Das größte der Gebäude, der Hanuman Dhoka, war bis 1908 Residenz der Könige. Noch heute finden dort die wichtigsten Hindu-Feste statt. Auf einem der alten Gebäude, die man über große Stufen besteigen kann, ruhen wir uns ein wenig aus und lassen die äußerst geschäftige Atmosphäre auf uns wirken. Das Treiben zwischen den über 50 Schreinen, Heiligtümern und Gebäuden ist mehr als betriebsam, hinzu kommt, dass sich der Verkehr ungehindert, laut und schmutzig zwischen den Sehenswürdigkeiten seinen Weg bahnt. Schließlich sehen wir uns den Kasthamandap-Tempel an, der aus dem Holz eines einzigen Baumes gebaut worden sein soll und Kathmandu wahrscheinlich seinen Namen gegeben hat. Er wurde vor ca. 800 Jahren erbaut und ist das älteste Gebäude auf dem Platz. Das höchste Gebäude, das Haus der Kumari, ist Wohnsitz einer lebenden Kindgöttin, die ihr Amt nur bis zur ersten Menstruation ausüben darf und das Haus nur 10 Mal pro Jahr verlassen darf, u.a. um dem Staatsoberhaupt ihren Segen zu erteilen. Man sagt, dass diese Mädchen ein sehr einsames Leben führen und dass sie später keinen Mann abbekommen, da sich kein junger Bursche einer (ehemaligen) Göttin würdig fühlt.

Schließlich schlendern wir weiter durch die Altstadt, die Freakstreet entlang, die in den 1970er Jahren Dreh- und Angelpunkt der Hippiebewegung war, treffen den einen oder anderen falschen Saddhu, der sich (natürlich nur gegen Bezahlung) fotografieren lassen möchte und genehmigen uns zwischendurch an einem Straßenstand frisch gepressten Ananas-Orangensaft und fettgebackene Süßigkeiten. 

Für den Rest des Nachmittags haben wir uns ausgedacht, dass wir uns Pashupatinath, Nepals wichtigste Hindu-Tempelanlage, ansehen wollen. Hier soll man unter anderem die Möglichkeit haben, den Totenverbrennungen beizuwohnen. Pashupatinath liegt etwas außerhalb von Kathmandu und da wir schon etwas zu müde sind, um zu Fuß zu gehen, beschließen wir, eine Fahrradrikscha zu nehmen. Wir erklären dem Rikschafahrer, wohin wir fahren möchten und er nennt einen recht hohen Preis für die Strecke, wir winken ab und gehen weiter. Er jedoch rennt uns hinterher und geht deutlich mit dem Preis herunter, so dass wir kehrt machen und in seine Rikscha einsteigen. Nach einer Weile wundere ich mich über die Richtung, die er einschlägt, Roland meint, dass er wahrscheinlich einen Umweg fährt, der durch ruhigere Straßen führt. Nachfragen können wir auch nicht, da der Rikschafahrer kaum Englisch spricht. Unsere Fahrt dauert immer länger und der kleine Mann tut uns langsam leid. Da es immer wieder bergauf geht, steigt Roland aus und schiebt die Rikscha von hinten an. Als wir schließlich nach ca. 30 Minuten in Patan (statt in Pashupatinath!) ankommen, dämmert uns, dass der Mann uns falsch verstanden hat. Für so eine weite Strecke, hätten wir uns niemals eine Rikscha genommen. Wir hätten ihm den Namen im Reiseführer zeigen sollen, aber wer weiß, vielleicht hätte er ihn ja gar nicht lesen können. Schon einmal hier, sehen wir uns aber natürlich dieses auch sehr sehenswerte Künstlerviertel an. Unser Rikschamann wartet auf uns und auf dem Rückweg denke ich, dass es eine gute Idee ist, früher auszusteigen und ihm den Rest des Weges zu schenken. Es stellt sich heraus, dass dies eine sehr dumme Idee war, da man sich in Kathmandu fürchterlich verlaufen kann und Schilder mit Straßennamen oder Richtungsangaben absolute Fehlanzeige sind. Auch die sehr hilfsbereiten Einheimischen können uns nicht wirklich helfen, da sie mit der Karte im Reiseführer nicht viel anfangen können. So irren wir ca. eine Stunde durch Kathmandu, bis es uns endlich gelingt, ein leeres Taxi zu finden, das uns zu unserem Hotel zurück bringt. 

Abends essen wir im Hotel und organisieren noch das Taxi zum Flughafen, das uns morgen früh um 7.45 Uhr abholen soll, danach noch Gepäck herrichten und ausruhen von dieser spannenden, aber sehr anstrengenden Stadt.

 

4.Tag – Flug nach Bhutan 

  

Pünktlich, um nicht zu sagen überpünktlich sind wir am Flughafen. Durch eine Verspätung unseres Fluges von 45 Minuten haben wir nun reichlich Zeit, uns unsere Mitreisenden genauer anzusehen. Kaum klassische Touristen, einige Inder, Bhutaner und lustige Mönche, die, wie wir es noch häufiger zu sehen bekommen sollen, offensichtlich einen Hang zu kindlichen Accessoires haben. Koffer mit aufgedruckten Teddybären, Micky-Maus-Taschen oder Plüschtiere als Anhänger am Rucksack sind äußerst beliebt. Beim letzten Sicherheitscheck muss Roland leider sein Schweizer Messer in den Abfall werfen, da er es aus Versehen im Handgepäck gelassen hat. Unser Flug über das Himalajagebirge entschädigt aber für alles. Die Sicht ist klar und der Mount Everest scheint zum Greifen nah, während der Wind von seinem Gipfel riesige Schneewehen in den Himmel fegt. Wir haben Glück, auf der linken Seite zu sitzen, so dass wir fast während des gesamten Fluges die riesigen Achttausender bewundern können. Fasziniert von der Bergwelt frage ich mich, ob der Abstand zwischen Berggipfeln und Flugzeug wirklich so gering ist, wie es scheint. Der Anflug auf Paro ist echt abenteuerlich, wir fliegen durch ein enges Tal, der Pilot muss im Tal eine Wendung um 180° fliegen und ein ordentlicher Wind lässt die Maschine kräftig schaukeln. Paro gilt nicht umsonst als einer der schwierigsten Flughäfen der Welt! Alle Piloten, die hier starten oder landen wollen, müssen eine spezielle Ausbildung und ein regelmäßiges Training absolvieren.

Endlich angekommen! Als sich die Flugzeugtür öffnet, bläst uns ein angenehm frischer Wind entgegen, wir treten auf die Rampe hinaus und das erste, was ich wahrnehme und was mir immer in Erinnerung bleiben wird, ist die unglaublich klare, saubere Luft. Das Ankommen in Bhutan ist wie ein Aufatmen nach dem staubigen Kathmandu, eine Wohltat, man fühlt sich dem Himmel tatsächlich gleich ein Stückchen näher. Schon der Flughafen (der einzige in Bhutan) ist sehenswert, die mangelnde Größe macht das Gebäude mit kunstvoll bemalten Holzschnitzereien an der Fassade wett. Bald werden wir sehen, dass alle Häuser in Bhutan so verziert sind. Schon bei der Einreise, bei der natürlich eine Menge Papierkram zu erledigen ist, merken wir, wie beschaulich und ruhig es hier zu geht und es ist so wenig los, dass das ganze dennoch ungewöhnlich schnell von statten geht. Es ist schon eine andere Gangart, wenn ein Land nur ein paar Mal pro Woche von wenigen Maschinen angeflogen wird. 

Vor dem Flughafen warten bereits unser Guide und unser Fahrer, die beiden werden uns die ganze Reise lang begleiten. Wir machen uns bekannt, der Guide heißt Kinley und ist 25 Jahre jung, er ist noch ledig, hat aber eine Freundin und ist in erster Linie Trekking-Guide. Der Fahrer heißt Namgay, ist 32 Jahre, verheiratet, hat 2 Kinder und arbeitet normalerweise als Kultur-Guide. Wir fahren zunächst in unsere Unterkunft, die unweit vom Flughafen Paro auf einer Anhöhe in einem Pinienwald gelegen ist. Eine halbe Stunde später beziehen wir unsere Lodge, eine gemütliche Holzhütte mit Heizung, die wir auch brauchen werden, denn es ist deutlich kühler als in Nepal und vor allem nachts soll es stark abkühlen. Eine Weile genießen wir die Stille, den weiten Blick ins Paro-Tal und auf die schneebedeckten Berggipfel, danach geht es wieder zurück nach Paro in ein kleines gemütliches Restaurant zum Mittagessen. Wir sind begeistert von dem leckeren Essen, ganz viel Gemüse, frischer grüner Spargel (in Bhutan ist jetzt Spargelsaison), Reis und fantastische Momos (mit Käse gefüllte Teigtaschen). Nach dem Essen müssen wir nochmal zurück zur Lodge, da Kinley seinen weißen Schal vergessen hat, ohne den er in keinen Dzong darf. Die Männer tragen hier eine Art Mantel mit Gürtel, diese Kluft nennt man Gho, dazu tragen sie Kniestrümpfe und schwarze Halbschuhe. Meistens zumindest, denn man begegnet durchaus auch welchen, die Sportsocken und Turnschuhe dazu tragen, das sieht dann allerdings nicht so elegant aus. Für den Besuch eines öffentlichen Gebäudes oder für Amtsgänge o.ä. müssen alle Männer einen weißen Zeremonialschal (Kabne) um die Schultern tragen. Die Frauen haben eine entsprechende Tracht, die Kira, die aus einem langen Wickelrock und einem kurzen Jäckchen besteht, der Zeremonialschal der Frauen heißt Rachung. Höherstehende Persönlichkeiten haben ihrem Amt entsprechend Schals in unterschiedlichen Farben. Alle Kleidungsstücke sind aus sehr schönen handgewebten Stoffen gefertigt. Nachdem Kinley nun für den Besuch des Paro-Dzong (Rinpung-Dzong) gerüstet ist, machen wir uns auf den Weg dorthin.

Ein Dzong ist eine Klosterburg, in der Mönche leben und gleichzeitig die örtliche Verwaltung untergebracht ist. Seit jeher gelten die Dzongs als Sitz weltlicher und religiöser Macht. Die Dzongs mussten einer großen Anzahl von Bewohnern Platz bieten, deshalb sind die Gebäude für die Verwaltung und die Tempel auch nicht gerade schmal bemessen. Entsprechend beeindruckend sind eigentlich alle Dzongs, aber nicht nur wegen ihrer Größe, sondern auch wegen der reich verzierten und bemalten Holzschnitzereien. Als wir im Inneren des Paro-Dzongs umhergehen, entdecken wir wunderschöne kunstvoll bemalte Wände. Motive sind Pflanzen, Tiere und buddhistische Symbole. Kinley erzählt uns, dass sein Vater einer der Maler ist, die Gebäude derart kunstvoll verzieren. Die Mönche haben gerade Gebetsstunde und wir wundern uns, dass es kein Problem ist, den Meditierenden beizuwohnen. Einzige Bedingung: nicht Fotografieren oder Filmen und Schuhe ausziehen, solange man sich im Tempel aufhält

Nach der Besichtung des Paro-Dzongs fahren wir weiter zu einem der ältesten Tempel Bhutans, dem Kyichu-Lhakhang. Der Tempel stammt aus dem 7. Jahrhundert und man kann dort einige riesige, wunderschöne Buddhastatuen besichtigen. In einem Nebengebäude entdecken wir eine große Gebetsmühle, die von einer sehr alten Frau unermüdlich gedreht wird. Die gebückte Gestalt sitzt vor der Mühle und scheint uns kaum zu bemerken, so vertieft ist sie in ihre Gebete. Auf dem Rückweg fahren wir am Fluss entlang. Die Gegend ist sehr ländlich, die Apfelbäume beginnen gerade zu blühen, der Fluss fließt träge durch sein breites Bett, Maultierfohlen spielen miteinander mitten auf der Strasse, Hunde trotten am Wegesrand entlang, alles wirkt sehr beschaulich. Die Vergleiche mit der Schweiz, von denen man in den Reiseführern immer wieder lesen kann, finden durchaus ihre Bestätigung, wenn auch durch die Architektur der Gebäude schon deutlich wird, dass man sich in einem völlig anderen Kulturkreis bewegt.

Zurück in Paro beschließen wir, noch durch das kleine Städtchen zu laufen, um ein wenig Kontakt zur bhutanischen Bevölkerung aufzunehmen. Wir bummeln durch die kleinen Geschäfte, in denen es ausgesucht schöne kunsthandwerkliche Gegenstände gibt, die allerdings auch ihren Preis haben. Die Geschäftsleute sind überaus freundlich, auch wenn man nur schauen möchte, wir sind ehrlich angetan von der durchweg sehr liebenswürdigen und unaufdringlichen Art der Menschen. Als einige Regentropfen fallen, beenden wir unseren Bummel und fahren zurück in unsere Lodge und nach einer kurzen Pause genießen wir zusammen mit Kinley ein ausgezeichnetes Abendessen. Danach gehen wir bald ins Bett, denn morgen haben wir eine längere Wanderung bis auf etwa 3000 Höhenmeter vor.

 

5. Tag – Wanderung zum Tigernest

 

Morgens um 8.30 Uhr nach einem ausführlichen Frühstück brechen wir auf zum Ausgangspunkt unserer heutigen Wanderung. Wir wollen das Taktshang Kloster, bekannter unter dem Namen „Tigernest“, besichtigen. Um dieses Kloster sehen zu können, müssen wir bis auf 3000 m steigen. Der Name des Klosters lässt sich durch seine Gründungslegende erklären: so soll Guru Rinpoche im 8.Jahrhundert auf wundersame Weise auf dem Rücken einer Tigerin von Khenpajong an diesen Ort geflogen sein. Der bhutanischen Überlieferung zufolge soll eine der Frauen des Meisters aus diesem Anlass Tigergestalt angenommen haben. Guru Rinpoche meditierte 3 Monate in einer Höhle in Taktshang und bekehrte schließlich das Paro-Tal zum Buddhismus.

Die Wanderung beginnt in einem schattigen Wäldchen und führt uns zu einem immer steiler werdenden stufigen Pfad, der von Eichen, Pinien und purpurfarbenen Rhododendren gesäumt ist, die nicht wie in europäischen Gärten die Größe von Büschen haben, sondern sich zu riesigen Bäumen entwickelt haben. Die Sonne scheint, keine einzige Wolke ist am tiefblauen Himmel zu sehen, Gebetsfahnen flattern bunt im Wind und ganz weit oben, als winzig kleinen Punkt, erblicken wir nach einer Weile zum ersten Mal das Kloster. Menschen begegnen uns nur wenige, dafür kommt uns auf einmal eine ganze Herde Ponys entgegen, die in einem Affenzahn den Berg hinunter saust. Plötzlich hören wir lautes Schimpfen und als wir nach unten sehen, ist auch klar, woher der Ärger rührt. Die Herde Ponys ist über die hübsch drapierten Waren einer Händlerin am Wegesrand getrampelt und hat alles durcheinander gebracht. Der Weg wird stetig steiler und immer wieder erhaschen wir einen Blick auf das Kloster, das auf seinem Felsvorsprung thront und die Frage aufwirft, wie es denn überhaupt dort oben hin gebaut werden konnte. Kinley erklärt, dass das Bauwerk vor einigen Jahren abgebrannt ist, danach aber komplett wieder aufgebaut wurde. Das gesamte Baumaterial wurde mit Pferden hinauf transportiert, was sicher sehr beschwerlich war und einige Zeit in Anspruch genommen hat. Im Wind klingen die Gebetsmühlen, angetrieben werden sie durch heiliges Wasser aus den Bergen. Kinley fordert uns auf zu trinken, es sei ja schließlich heiliges Wasser, das man sich nicht entgehen lassen darf. Wir kosten das kühle, frische Nass, es schmeckt köstlich und wir fragen uns, was reiner ist, das Wasser oder die klare Luft hier oben.

Nach etwa 1,5 Stunden erreichen wir die kleine Cafeteria, die auf einem Hochplateau gelegen ist und einen atemberaubenden Blick auf das Tigernest bietet. Kinley meldet uns für später zum Essen an. Die Cafeteria wird von Mönchen bewirtschaftet und aus religiösen Gründen gibt es nur rein vegetarisches Essen. Aber jetzt haben wir zuerst einen nochmal so langen Weg vor uns wie den, den wir schon gegangen sind. Es geht ein Stück bergab, vorbei an einem hohen Wasserfall und an einigen Meditationshäusern, die in die Felswand gebaut sind, bis wir zu einem kleinen Aussichtspunkt kommen, von dem aus das Kloster zum Greifen nah scheint. Aber nun müssen wir erst einmal über sehr steile, völlig ungesicherte Stufen eine ganze Weile nach unten steigen und uns dabei gut konzentrieren, um Fehltritte, die hier mit Sicherheit tödlich enden würden, zu vermeiden. Überall am Wegesrand haben Gläubige Steinhaufen errichtet oder Minichorten aufgestellt, sie bitten damit die Götter um Schutz auf ihrem Weg durchs Gebirge. 

Endlich sind wir an der Eingangspforte des Klosters angelangt. Wir müssen unsere Fotoausrüstung abgeben, denn im Inneren ist Fotografieren und Filmen nicht erlaubt. Wir müssen noch unzählige Stufen hinaufsteigen, bis wir endgültig im Kloster angelangt sind. Die Anlage ist in Wirklichkeit viel größer, als sie von Weitem schien. Mönche verrichten ihre Dienste, fegen vor den Heiligtümern, füllen Wasserschalen und zünden Butterlampen an. Vor den Statuen der Götter liegen Unmengen von Opfergaben: Reis, Gemüse, Süßigkeiten, Geld, … Vor einem der Tempel schläft ein sehr junger Welpe, der nicht einmal aufwacht, als wir ihn streicheln. Eine unbeschreibliche Atmosphäre liegt über diesem Ort, es ist so still, friedlich und schön, dass es einem den Atem nimmt und man sich fragt, wie es sein kann, dass es so viele Orte auf der Welt gibt, die von Hass, Gier und Unfriede geprägt sind.

Nachdem wir das Tigernest ausgiebig besichtigt haben, machen wir uns auf den Rückweg. Wir lernen ein nettes holländisches Pärchen kennen, mit denen wir uns gemeinsam über einen sehr dicken Bhutaner amüsieren, der uns zeigt, wie man den Gho richtig anlegt. Das Lustige dabei ist, dass er ihn aufgrund seiner Körperfülle nicht selbst binden kann und deshalb seine Frau Hand anlegen lässt.

In der Cafeteria wartet schon unser Essen auf uns, es gibt verschiedene Gemüse, Reis und extra-scharfes Käsechili. Wir genießen unser Essen, den Ausblick auf das Tigernest und die Gesellschaft einiger netter Hunde und machen uns schließlich auf den Rückweg. Kinley erzählt uns beim Abstieg, dass in dieser Gegend sehr seltene und damit sehr teure Heilpflanzen wachsen. Einige Bauern haben sich darauf spezialisiert diese Pflanzen zu sammeln. Sie verdienen eine Menge Geld durch den Verkauf. Das Fatale daran aber ist, dass sie trotzdem arm bleiben, weil es aufgrund der mangelnden Infrastruktur keine Möglichkeit gibt, etwas mit dem Geld anzufangen. Unten angekommen, fotografiere ich ein etwa 2-jähriges Mädchen, das völlig fasziniert ist, als ich ihr ihr Ebenbild auf dem Display zeige. Man könnte meinen, so etwas hat sie noch nie gesehen, sie wirkt sogar so, als hätte sie ihr Gesicht überhaupt noch nie in einem Spiegel betrachtet.

Nach dieser wunderschönen Wanderung fahren wir weiter zum Drukyel-Dzong. Wäre in der letzten halben Stunde nicht eine dicke Wolkenwand aufgezogen, hätte man von hier aus den 7314 m hohen Jhomolhari sehen können, er ist die Grenze zu Tibet, wie alle Berge Bhutans heilig und der Wohnort der Göttin Jhomo. Der Dzong ist nur noch eine Ruine, früher diente er als Festung gegen die Tibeter. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ist er abgebrannt und wurde nicht wieder aufgebaut. Nur das Schindeldach wurde erneuert. Nach diesem kurzen Abstecher machen wir uns auf den Weg nach Thimphu. 

1,5 Stunden später erreichen wir die Hauptstadt. Wir checken im Hotel ein und stürzen uns sogleich noch ins Gewühl. Gewühl ist vielleicht etwas übertrieben ausgedrückt, denn mit ca. 80.000 Einwohnern entspricht Thimphu nicht gerade der Größe, die wir von europäischen Hauptstädten kennen, aber im Vergleich zu Paro ist hier sehr viel mehr los und man merkt deutlich, dass die westliche Lebensweise schon einigen Einfluss auf die jungen Leute genommen hat. Wir bummeln durch die Läden, kaufen CDs und Räucherwerk und bestaunen den berühmten Verkehrspolizisten, der in einem bunt verzierten Häuschen auf Thimphus größter Kreuzung mit anmutig winkenden Bewegungen den Verkehr regelt. Thimphu ist nämlich die einzige Hauptstadt der Welt, die keine Ampel hat. Vor einigen Jahren wurde einmal eine aufgebaut, aber die Leute wollten sich mit dieser neuen Regelung des Verkehrs nicht anfreunden, also ließ der König das Ding kurzerhand wieder entfernen und die Verkehrspolizisten hatten ihren alten Job wieder. Da es schon dunkel geworden ist und um das Abendessen nicht zu verpassen, gehen wir ins Hotel zurück. Danach haben wir noch Zeit unser Gepäck neu zu packen, denn morgen geht es auf Trekkingtour.

 

6. Tag – Textilmuseum, Heritage-Museum, Kunsthandwerkerschule, Zoo – Fahrt zum Bauernhaus

 

Morgens nach dem Frühstück gibt es ein paar Unklarheiten, da wir nicht wissen, wie wir unser Gepäck verteilen sollen. Kinley meinte zwar, wir sollen für das Trekking jeder einen ganz kleinen Rucksack mitnehmen und den Rest für 2 Tage im Auto bei Namgay lassen. Wir haben aber nur einen kleinen Rucksack, in den nicht alles für uns beide hineinpasst. Jetzt sitzen wir ein bisschen wie auf Kohlen in der Hotelhalle und warten auf unseren Guide und den Fahrer. Mit einer halben Stunde Verspätung kommen sie schließlich und irgendwie merken wir, dass etwas nicht in Ordnung ist. Später erfahren wir, dass Kinleys Opa in der letzten Nacht gestorben ist und er eigentlich heim müsste, um in seiner Familie einiges zu regeln. Sein Vater, das Familienoberhaupt, ist momentan nicht da und deshalb müsste Kinley dessen Rolle einnehmen. Leider lässt sein Chef dies nicht zu, da er keinen Ersatz für Kinley hat. Nachdem wir geklärt haben, dass wir eine große Tasche mitnehmen, die das Packpferd tragen wird, machen wir uns endlich auf den Weg ins Textilmuseum. 

Wir sehen traditionelle Kleidungsstücke und können beim Weben der wunderschönen Stoffe zuschauen. Die feinen, komplizierten Webtechniken und die dünnen Fäden machen klar, warum diese Stoffe nicht gerade billig sind. Wir besuchen anschließend das Heritage-Museum, das in einem uralten bhutanischen Bauernhaus untergebracht ist und sehr gut zeigt, wie die Menschen früher gelebt haben. Zuletzt besichtigen wir die Kunsthandwerkerschule von Thimphu, die Näher, Sticker, Weber, Holzschnitzer, Töpfer, Maler und Kunstschmiede ausbildet. Es gibt jeweils 4 Klassen, denen wir allen beim Unterricht zugucken können. Die Lehrer sind sehr streng, so muss z.B. ein Schüler von seiner detailreichen Bleistiftzeichnung die Hälfte wieder wegradieren, da dem Lehrer irgendeine Kleinigkeit nicht gefallen hat, die für unsere Augen allerdings gar nicht erkennbar war. Wir sind so fasziniert vom Können der jungen Künstler, dass wir die Zeit ein wenig vergessen haben und Kinley zum Aufbruch drängt.

Nach dem Mittagessen besuchen wir den kleinen Zoo von Thimphu, der aber leider gerade renoviert wird und uns so nur einen Blick aus einiger Entfernung auf Bhutans Nationaltier, das Takin, werfen lässt. Takins gehören zur Gruppe der Ziegenartigen, sehen aber eher wie Rinder aus. Sie leben auch frei in Bhutans Wäldern, sind aber nicht leicht zu sichten. Nach diesem kleinen Abstecher sehen wir uns noch ein wenig in Thimphu um und brechen schließlich auf, um zu unserem Ausgangspunkt für das morgige Trekking zu fahren. Wir werden die kommende Nacht bei einer bhutanischen Bauernfamilie verbringen und morgen früh von dort aus loslaufen.

Nach einer Stunde Fahrt kommen wir auf einen Weg, der nur noch mit dem Geländewagen befahren werden kann und uns immer höher hinauf in eine einsame Gegend bringt. Schließlich sehen wir das Bauernhaus, das reich verziert und bemalt ist und sich in einer absolut traumhaften Lage befindet. Als wir aussteigen, werden wir von einem jungen Mann begrüßt, der sich als Neffe der Hausbesitzer vorstellt, er spricht im Gegensatz zu dem älteren Ehepaar, denen das Haus gehört, sehr gut Englisch und soll als Übersetzer agieren. Es stellt sich heraus, dass ein deutsch-französisches Pärchen mit uns zusammen die Nacht hier verbringen und auch das Trekking gemeinsam mit uns machen wird. Kurze Zeit später treffen die beiden ein und bald merken wir, dass wir uns mit Lutz und Claire recht gut verstehen. Nun besichtigen wir das Haus von innen und bekommen unsere Schlafplätze zugewiesen. Wir haben sogar ein eigenes Zimmer mit Matratzen auf dem Boden und dass es sogar ein Klo im Haus gibt, ist echter Luxus. Ansonsten ist das Bauernhaus recht einfach und wir freuen uns, nun endlich die Hausherren kennenzulernen. Das ältere Ehepaar ist sehr nett und zur Begrüßung reicht die Dame des Hauses Tee und Kekse. Ganz stolz zeigt sie uns ein Buch über Deutschland, das sie einmal geschenkt bekommen hat, dann verschwindet sie wieder, weil sie kochen muss.

Der Neffe begleitet uns, nachdem wir Tee getrunken haben zu einem Spaziergang in die Umgebung. Er zeigt uns die Felder, auf denen Weizen, Kartoffeln und Zwiebeln angebaut werden. Kühe und Kälber grasen vor dem Haus und die beiden süßen jungen Hunde der Familie kommen voller Zutrauen wedelnd auf uns zu und lassen sich streicheln. Er führt uns zu dem halb verfallenen ehemaligen Haus der Familie, das noch etwas höher liegt und erklärt, dass sie von dort weggezogen sind, weil dort nachts die Tiger unterwegs waren und diese zu einer Bedrohung für das Vieh wurden. Wir laufen weiter durch die grandiose Bergwelt und bewundern Pflanzen, die es bei uns zu Hause nicht gibt. Die Wiesen sind übersäht mit hellvioletten Primeln, die Ähnlichkeit mit unseren heimischen Schlüsselblumen haben. Es ist wunderschön hier und sooo … still. Als wir von unserem Spaziergang zurück kommen duftet es im ganzen Haus schon nach leckerem Essen. Wir werden in die Küche gebeten, dort steht in der Mitte der holzbefeuerte Kochherd, dann gibt es noch eine Anrichte und ein paar Kissen auf dem Boden. Wir setzen uns und bekommen wieder Tee. Wir unterhalten uns, lernen den sehr netten Guide von Lutz und Claire näher kennen und unser Gastgeberehepaar kocht nebenher gemeinsam das Abendessen. Nach einiger Zeit fordert uns der Hausherr auf mitzukommen, um den zu jedem bhutanischen Haus gehörenden Altarraum anzusehen. Wir sind überrascht von Größe und Ausstattung. Bald schon entwickelt sich ein interessantes Gespräch über den Glauben, die Seele, Astrologie, Wiedergeburt und über Religion im Allgemeinen. 

Es ist schon dunkel draußen, als es Essen gibt. Eine Menge Töpfe und Schüsseln werden auf den Boden gestellt, von denen sich jeder bedienen soll, dann wird der unvermeidliche Buttertee serviert. Er schmeckt salzig und fettig, eher wie Suppe, aber nicht wirklich gut. Aus Höflichkeit trinken wir ihn natürlich, aber kaum hat man ein paar Schlucke geschafft, wird schon wieder nachgeschenkt. Das Essen schmeckt allerdings vorzüglich. Nachdem alle satt sind, kocht der Neffe Weizenschrotbrei für die Hunde und auf die Aussage, dass dies ja ein sehr guter Service für die Vierbeiner sei, meint er, dass die Hunde ja auch einen guten Job für ihn machen. Wir sitzen beisammen, unterhalten uns, erzählen Witze und Fabeln aus dem jeweiligen Kulturkreis. Die Dame des Hauses lässt zwischendurch ihre Gebetskette (Mala) durch die Finger gleiten und betet Om mani padme hum. Die Männer kauen Betelnüsse und trinken Bier und Ara (ein aus Reis, Weizen oder Mais gebrannter Schnaps). Wir müssen natürlich auch den Schnaps probieren und sind überrascht darüber, dass er gar nicht so stark ist und sogar recht gut schmeckt. Der Abend zieht sich in geselliger Runde noch eine ganze Weile hin, bis es eigentlich schon viel zu spät für uns ist. Morgen müssen wir schließlich ganz früh aufstehen und fit für unsere Wanderung sein. Nach diesem ereignisreichen Tag schlafen wir aber bald auf unserem Matratzenlager ein.

 

7.Tag – Trekking zum Jili-Dzong

 

Wir wachen bei strahlend blauem Himmel auf und nach einer Katzenwäsche gibt es Frühstück: gebutterten Toast, die Reste vom Vorabend und natürlich wieder Buttertee. Nachdem wir uns gestärkt haben, dürfen wir beim Melken zuschauen, das natürlich noch auf traditionelle Weise von Hand durchgeführt wird. Es wird immer nur so viel Milch genommen, dass das Kälbchen auch noch satt wird. Die Bäuerin kocht die Milch ab und gibt sie uns zum Probieren. Nach langem Verabschieden, Fotos machen, Hände schütteln und Umarmen steht auch das Packpferd bereit und wir brechen auf.

 Unser Weg führt uns an einigen Bauernhäusern, einer Gebetsmauer und an einem mit Gebetsfahnen geschmückten Flusslauf vorbei, bis wir schließlich in einen kleinen Pfad abbiegen, der uns in ein schattiges Wäldchen führt. Von nun an geht es nur noch steil bergauf. Die ersten Meter bemerken wir starkes Herzklopfen und die Beine sind etwas schwer, aber nach einem halben Kilometer haben wir uns eingelaufen und es macht uns nichts mehr aus. Die Landschaft ist ein Traum, das Gras ist hellgrün, Bäume treiben aus, die Luft ist klar, der Rhododendron blüht, Yaks grasen und in der Ferne sieht man die schneebedeckten Gipfel der höheren Berge. Wir kommen zu einer kleinen Siedlung und treffen dort auf Bauern, die dabei sind, Lehmziegel herzustellen. Eine Frau bittet um Tabletten für ihr fieberndes Kind und auch ein alter Mann bittet um Schmerzmittel wegen seiner starken Kopfschmerzen. Es gibt natürlich wieder einige junge Hunde und nachdem wir einen davon gestreichelt haben und mit ihm gespielt haben, hat er sich entschlossen, uns zu begleiten. Er läuft mit uns, bis wir zu unserem Lunchplatz kommen, wahrscheinlich schon in der Erwartung, etwas von unserem Mittagessen abzubekommen - was natürlich auch der Fall ist.

Nach einer Stunde Mittagspause geht es weiter, ohne das Hündchen, es ist wieder heimgegangen, nachdem es sich den Bauch vollgeschlagen hat. Kinley meint, dass der das immer so macht. Wir müssen weiter bergauf gehen und sind schon ein wenig stolz, dass wir das so gut schaffen, denn das um einige Jahre jüngere Paar, Claire und Lutz, schwächelt schon. Schließlich kommen wir bei unserem Camp auf 3400 m Höhe an. Die Zelte sind schon aufgebaut und der Tee ist auch schon fertig. So sitzen wir in der Sonne, trinken Tee und erholen uns von dem anstrengenden Aufstieg.

Als die Schatten länger werden machen wir uns auf den Weg, die letzten etwa 200 Höhenmeter bis zum Jili-Dzong zu erklimmen. Der Dzong thront majestätisch auf dem Berggipfel und die Lage des Dzongs lässt wieder einmal erahnen, welch gutes Gespür die Mönche haben, heilige Plätze, die sich für ihre Gebete eignen, zu finden. Als wir zu den Klostermauern gelangen, schauen ein paar Ponys freundlich über die Mauer, Hunde und Hühner laufen überall herum und ein paar scheue Kindermönche verstecken sich schnell hinter der nächsten Hausecke. Kinley sucht den Lama und als er ihn gefunden hat, werden wir in den Tempel gebeten. Er ist wunderschön, es gibt 5 große Buddhastatuen und die Stoffverzierungen sehen aus wie neu. Der Lama ist ein freundlicher älterer Herr, der eine Menge über den Buddhismus zu berichten weiß und wir können endlich all unsere Fragen stellen, die wir nun von jemand wirklich kompetenten beantwortet wissen. Zum Abschied bekommt jeder vom Lama ein gelbes Band um den Hals gebunden, das den Reisenden vor Unheil schützen soll. Wir treten aus dem Tempel heraus und erblicken das atemberaubende Panorama in der Abendsonne, interessante Wolkenformationen sind am Himmel zu sehen und ein sehr kühler frischer Wind bläst uns um die Nase. Es herrscht eine einmalige Stimmung und man möchte gar nicht wieder weg von diesem Ort. Wir gehen noch ein wenig auf dem Bergrücken entlang, machen uns dann aber doch an den Abstieg, da es bitterkalt geworden ist.

Auf dem Rückweg entdecken wir eine riesige Yakherde und wir fragen Kinley, ob wir hingehen können. Roland und ich gehen schon voraus, da Kinley noch eine Jacke holen will. Am Rand der Herde wacht ein riesiger schwarzer Hirtenhund und wir machen vorsichtshalber einen großen Bogen um ihn. Dann stehen wir mitten in der friedlich grasenden Herde, die auch eine große Anzahl an Kälbern hat. Kinley hat uns eingeholt und er meint, ob wir nicht Lust hätten, den Nomaden einen kleinen Besuch in ihrem Zelt abzustatten. Klar, haben wir Lust … Kurze Zeit später sitzen wir bei zwei jüngeren und einer älteren Frau auf Tannenreisig am Feuer und dürfen uns dort etwas aufwärmen. Kinley übersetzt für uns und so erfahren wir, dass die eine der jüngeren Frauen eine Nomadin ist, die ihre Herde im Nachbartal stehen hat und heute zu Besuch gekommen ist, um Neuigkeiten auszutauschen. Wir staunen über das Solarpanel der Familie und über das kleine Radio, das sie mit der Welt verbindet. Der Rest Ihrer Ausstattung ist aber sehr traditionell. Zwischendurch besuchen uns die etwa 5 Wochen alten Welpen der Hirtenhunde und auch der Herr des Hauses schaut kurz herein. Ich versuche trotz des schwindenden Lichts ohne Blitz zu fotografieren, dummerweise habe ich ihn aber einmal aus Versehen doch eingeschaltet und jage sowohl den Welpen, als auch der alten Frau einen riesigen Schrecken ein. Als es schon fast dunkel ist, verabschieden wir uns von unseren freundlichen Gastgebern und werden für morgen früh eingeladen, beim Melken der Yakherde zu zusehen.

Zurück im Zeltlager, ist schon fast das Abendessen fertig, das die fleißige Küchenmannschaft mit einfachsten Mitteln zubereitet hat. Dick eingepackt genießen wir unser Abendessen und sitzen noch lange beisammen. Als wir uns auf den Weg in unser Zelt machen, überlege ich noch kurz, ob ich jetzt das seltsame Klozelt benutzen soll, das über einem Erdloch aufgestellt ist, oder ob ich doch lieber die Büsche nehme und entscheide mich schließlich lieber für letzteres. Dann liegen wir endlich in unseren Schlafsäcken und lauschen den mitternächtlichen Mönchsgesängen, die vom Jili-Dzong zu uns herunter wehen und wundern uns ein wenig, dass das Atmen, wenn man liegt, plötzlich ganz schön schwer fällt und unsere Herzen deutlich schneller schlagen als sonst - die Höhe ist eben nicht zu unterschätzen. Erschöpft von dem anstrengenden Aufstieg heute schlafen wir schließlich ziemlich bald ein.

 

8.Tag – Wanderung nach Paro - Fahrt nach Punakha

  

Morgens gegen 6.00 Uhr werden wir wieder von Mönchsgebeten geweckt, draußen ist es gerade eben hell geworden, wir stehen auf und machen uns noch vor dem Frühstück auf den Weg zur Yakherde, um beim Melken dabei zu sein. Das Melken läuft recht gemächlich ab, die großen Tiere sind sehr gelassen und die Nomaden kennen jeden Handgriff ganz genau, mit dem sie den Tieren stressfrei die Milch entnehmen können. Nachdem der Melker genug hat, dürfen die Kälber wieder ran. Auf einem Holzgerüst liegen Teile eines toten Yaks und dessen Fell zum Trocknen. In einem unbemerkten Augenblick stiehlt einer der Hunde die Yakhaut, der Nomade erwischt ihn gerade noch mit lautem Schimpfen und dem Wurf eines Steines - der ihn aber verfehlt - , bevor er sich mit seiner Beute auf und davon machen kann. Später erfahren wir, dass in der Nacht, bevor wir ankamen, ein Bär diesen Yak getötet hat. Netterweise hat uns Kinley das erst erzählt, nachdem wir die Übernachtung im Zelt hinter uns hatten. Wir spielen noch ein bisschen mit den Welpen und dann geht’s auf zum Frühstücken. Danach packen wir unsere Sachen, die daraufhin auf das Pferd geschnallt werden und schließlich machen wir uns auf den Weg nach Paro. 

Jeder Meter lässt einen beim Abstieg leichter atmen. Wir sind recht flott unterwegs und schaffen die Strecke in guten 3 Stunden. Unten wartet schon Namgay mit dem Auto auf uns. In Paro essen wir noch ein letztes Mal mit Lutz und Claire zu Mittag und machen uns danach auf den Weg nach Punakha. 3,5 Stunden kurvenreiche Fahrt liegen vor uns, dies ist mit vollem Magen eher unangenehm. Das Wetter wird schlechter und als wir am Dochula-Pass ankommen, ist dieser in dichten Nebel gehüllt. Wir steigen trotzdem aus und bewundern die Unmengen von Gebetsfahnen, die Reisende hier aufgehängt haben und die 108 Chorten, die die Königin 2004 hier errichten ließ. Es ist eiskalt und so machen wir uns bald wieder auf den Weg. Wenige Höhenmeter weiter unten gelangen wir in eine üppige subtropische Zone mit Bananenstauden, riesigen Bäumen und Kakteen. Es fängt an zu regnen und dieser Regen entwickelt sich alsbald in einen Wolkenbruch. In Punakha angekommen, scheitert unser Vorhaben, in einem weiteren Bauernhaus zu übernachten daran, dass der Weg, der zu diesem Haus führt, wegen eines Erdrutsches nicht passierbar ist. Der Punakha-Fluss ist zu einem reißenden Strom angeschwollen. Wir müssen umplanen und Kinley organisiert eine Unterkunft in einem kleinen Hotel in der Nähe der Stadt. Es ist zwar schade, dass wir das Erlebnis, bei Einheimischen zu übernachten diesmal verpassen, aber dafür bietet sich nun die Gelegenheit, endlich mal wieder zu duschen und Haare zu waschen. 

Beim Abendessen treffen wir auf das holländische Paar, das wir beim Tigernest kennengelernt haben. Sie berichten uns, dass sie kurz die Möglichkeit hatten, ins Internet zu gehen und erfahren haben, dass auf Island der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen ist, der Flugverkehr über Europa komplett lahmgelegt sei und es eventuell Schwierigkeiten mit dem Heimflug geben könnte. In Bhutan gibt es keine Mobilfunkverbindung nach Europa und die Möglichkeiten ins Internet zu gelangen sind auch sehr gering, so müssen wir uns mit dieser Information begnügen und denken nicht weiter über unsere Heimreise nach, darum können wir uns erst wieder kümmern, wenn wir in Indien sind. So genießen wir unser Abendessen, schauen dem Regen zu und gehen bald ins Bett.

 

9.Tag – Besichtigung des Punakha- und des Wangdue-Dzongs

 

Als wir aufwachen, ist der Himmel noch bewölkt, aber schon kurz nach dem Frühstück kommt die Sonne hervor und der Himmel klart auf. Roland und ich machen einen Spaziergang und treffen dabei auf einen Bhutaner, der sich auf dem Weg in die Kirche befindet, er ist Christ (eine Minderheit in Bhutan), etwa 30 Jahre alt, sehr freundlich und gesprächig. Immer wieder stellen wir fest, wie weltoffen und interessiert die Bhutaner sind und bestimmt schon zum vierten Mal werden wir, sobald wir erzählen, dass wir aus Deutschland kommen, auf unsere wenig ruhmreiche Geschichte angesprochen. Sie möchten verstehen, wie das alles im 2. Weltkrieg so war und wir bemühen uns zu erklären, wie es dazu kommen konnte, dass wir aber als nachfolgende Generation wenig damit zu tun haben. Wir treffen auch auf eine Menge Kinder, die es scheinbar sehr spannend finden, Kontakt mit den für sie fremd wirkenden weißen Leuten aufzunehmen. Die Menschen – ob groß oder klein – lassen sich wahnsinnig gerne fotografieren, sie sind direkt stolz, wenn man sie aufnehmen möchte, selbstverständlich frage ich aber trotzdem, wenn ich ein Bild machen möchte. Häufig kommen sie aber sogar auf mich zu und wünschen, fotografiert zu werden.

Nach unserem kleinen Ausflug treffen wir uns mit Namgay und Kinley und beschließen, dass wir nach Punakha laufen und dort Namgay mit dem Auto treffen wollen. Es ist warm und wir haben einen schönen Ausblick in das Tal, durch das sich der Punakha-Fluss seinen Weg bahnt, der jetzt aber ziemlich viel Wasser und Schlamm mit sich führt. Wir laufen ein wenig durch das kleine Städtchen, aus dem unser Guide Kinley stammt, er zeigt uns, wo er zur Schule gegangen ist und er ist heute sichtbar erleichtert, da er gestern Abend endlich zu Hause war und die Angelegenheiten um den Tod seines Großvaters regeln konnte.

Bald treffen wir auf Namgay und fahren zum Punakha-Dzong. Er liegt malerisch an der Flussgabelung der beiden Flüsse Mo Chu und Po Chu. Davor blühen Bäume in einem prächtigen violetten Farbton, der uns an der Echtheit der Blüten zweifeln lässt. Wir laufen über eine lange überdachte Brücke zum Eingang des Dzongs. Überall wandeln die Mönche in ihren roten Kutten umher und bieten immer wieder ein für unsere Augen belustigendes Bild, wenn sie mit dem Handy telefonierend oder SMS-tippend eilig zur nächsten Gebetsstunde unterwegs sind. Der Punakha-Dzong beherbergt in seinem Gemäuer die momentan größte Buddhastatue Bhutans, in Thimphu wird allerdings gerade auf einem Berg unter freiem Himmel eine noch größere erbaut. Bei der Besichtigung bekommen wir die Gelegenheit, den Mönchen beim Rezitieren ihrer Gebete zuzusehen und zuzuhören. Begleitet wird das Ganze von riesigen Trommeln und Blasinstrumenten, die vom Klang her an unsere Alphörner erinnern. Wir bekommen mit, wie streng das Oberhaupt der Mönche, der Lama, vor allem auch zu den sehr jungen Mönchen ist. Wer Fehler beim Rezitieren macht, tuschelt oder gar einschläft, bekommt mit einer Lederpeitsche, die der Lama ständig drohend vor sich her schwingt, einen Hieb verpasst. Die Mönche bemühen sich offensichtlich sehr, alles richtig zu machen, denn es gibt eine strenge Hierarchie, in der man aufrücken kann und schließlich auch auf dem besten Platz, einer Art Thron, landen kann. Der Punakha-Dzong ist enorm groß und wunderschön bemalt und verziert. Man findet hier riesige Malereien über das gesamte Leben Buddhas.

Auf dem Rückweg besichtigen wir noch ein privates kleines Kloster in Punakha, das einen Stupa mit den allsehenden Augen Buddhas hat, bevor wir weiter nach Wangdue fahren, ein hübscher kleiner Ort mit einer Unzahl an winzigen Geschäften, in denen reger Betrieb herrscht. Der Ort klebt förmlich am Fels und die kleinen Häuschen sind zum Teil auf Stelzen gebaut. Der Wangdue Phodrang Dzong ist sehr alt und hat noch ein original altes Holzdach mit Steinen darauf. Wie so oft sieht man alte Leute, die die großen Gebetsmühlen drehen und ihre Runden um den Chorten drehen. Nach dem Mittagessen sehen wir uns auf dem Gemüsemarkt um, laufen ein bisschen durch das hübsche Örtchen und schließlich machen wir uns auf den Weg zu unserer nächsten Unterkunft, die wieder in einem Bauernhaus einer einheimischen Familie sein wird. 

Das Haus zu finden stellt sich zunächst als gar nicht so einfach heraus, da weder Kinley noch Namgay schon einmal dort gewesen sind. Nach einer Weile aber finden wir den richtigen Weg und fahren über unbefestigte Straßen den Berg hinauf. Schließlich liegt noch ein kleiner Fußmarsch vor uns, bevor wir den ersten Blick auf das wunderschön bemalte und mit Holzschnitzereien reich verzierte Haus werfen können. Die Familie hat Pferde, Hühner und in einer Kuhle vor dem Eingang liegt ein friedlich vor sich hin schlummerndes Schwein. Wir werden von unseren Gastgebern begrüßt und in das Zimmer geführt, das wir bewohnen werden. Das Haus ist riesig und innen genauso reich bemalt und verziert wie außen. Nachdem wir unsere Sachen untergebracht haben gibt es Tee, wir unterhalten uns lange mit Namgay über Sitten und Gebräuche in Bhutan und umgekehrt möchte er viel über unser Land und unsere Gepflogenheiten wissen. Aus dem Nachbarzimmer sind plötzlich Mönchsgebete und Instrumente zu hören, Namgay erklärt, dass bei dieser Familie heute die jährliche Hausreinigungszeremonie stattfindet und deshalb ein Lama als weiterer Gast die Nacht hier verbringen wird. Später lernen wir ihn auch kennen, ein sehr freundlicher älterer Herr, der aber etwas gegen Fotoapparate hat. Beim Abendessen läuft ein kleiner Fernseher und zu sehen gibt es – man sollte es nicht glauben: „Bhutan sucht den Superstar“! Ein weiterer Mönch gesellt sich zu uns, der alte Bauer dreht unentwegt seine Gebetsmühle und murmelt gemeinsam mit den Mönchen Mantras vor sich hin. Die Mönche scheinen sehr interessiert an uns, denn wir merken, dass sie zwischendurch über uns sprechen und uns unverhohlen beobachten. Das Essen ist einfach, aber sehr schmackhaft, es gibt roten Reis, ein Krautgericht, Chili und warme Molke. Außer dem alten Bauer und den beiden Mönchen sitzen die alte Bäuerin, eine junge Frau und ein männlicher Jugendlicher mit am nicht vorhandenen Tisch.

Nach dem Essen wird noch ein bisschen geredet, aber bald stehen die ersten auf, um sich ihr Nachtlager zu bereiten. So machen auch wir uns auf den Weg in unser Zimmer. Leider haben wir vorhin vergessen die Fenster zu schließen, so dass wir nun mindestens 20 riesige Nachtfalter im Zimmer haben, denen nichts Besseres einfällt als in meinen Schlafsack zu fliegen und mich zu ärgern. Wir können beide nicht einschlafen und von dem vielen Tee meldet sich bald die Blase. Roland und ich diskutieren, wie wir wohl den Weg durch das verschachtelte Haus nach unten bzw. nach draußen zum Klohäuschen finden können, ohne über schlafende Mönche zu stolpern oder dem Hausherren übers Gesicht zu latschen. Es wäre doch zu peinlich, wenn man nicht mehr zurück in sein Zimmer finden würde. Roland löst – typisch Mann – das Problem mittels einer leeren Wasserflasche. Ich als Orientierungsclown bleibe auf der Strecke und obwohl es mir peinlich ist, jammere ich so lange, bis sich Roland erbarmt und mit kommt. Wir steigen, mit Taschenlampen bewaffnet, über schlafende Mönche und Bauersleute, bis wir in einem der Zimmer auf Kinley treffen, der noch am SMS schreiben ist. Was wird der sich wohl denken? Die können nicht mal alleine aufs Klo gehen! Roland findet schließlich den Weg nach unten – ich bin erleichtert, alleine hätte ich mich hoffnungslos verlaufen. Nach diesem kleinen nächtlichen Abenteuer schlafen wir aber schließlich doch noch friedlich ein.

 

10. Tag – Fahrt nach Bumthang

 

Morgens nach dem Frühstück (Reis und Gemüse) brechen wir auf zu einer sehr langen Fahrt in die Region Bumthang. 210 km kurvenreiche Strecke und 2 Pässe mit 3300 m bzw. 3400 m Höhe liegen vor uns. Schon nach einer halben Stund Fahrt treffen wir auf eine Straßensperre wegen Bauarbeiten, die jeweils 1 Stunde andauert und dann für 15 Minuten aufgehoben wird. Wir kommen natürlich genau an, als sie gerade eben die Straße dicht gemacht haben. Kinley hat die glorreiche Idee, dass wir einfach zu Fuß weitergehen und uns dann von Namgay mitnehmen lassen, wenn es wieder weiter geht. So haben wir heute wenigstens ein kleines bisschen Bewegung, denn den Rest des Tages werden wir im Auto verbringen müssen. Die Fahrt durch Bhutans Gebirgswelt ist wunderschön. Auf den sehr engen Straßen kann es einem schon angst und bang werden, mit freiem Blick in den Abgrund direkt neben dem Asphalt. Aber die Landschaften, die wir zu sehen bekommen, lassen uns staunen: alte, hohe, knorrige Bäume, blühende Rhododendren, Schluchten, Wasserfälle, wildromantische Flusstäler, Brücken, die mit Gebetsfahnen behangen sind, in höheren Regionen Yakweiden, Kühe, Nomadenfrauen, die am Straßenrand sitzen und Yakwolle spinnen. Dazu werden wir mit bhutanischer Musik aus Namgays CD-Player unterhalten.

Wir unterbrechen unsere Fahrt nur in Trongsa, einem Städtchen mit einem riesigem Dzong, das wir kurz anschauen und später halten wir noch zum Mittagessen bei einem einladenden Restaurant, das auf der Strecke liegt.

Gegen 18 Uhr erreichen wir unser Ziel, eine Lodge in der Bumthang-Region, die klein und sehr familiär geführt ist. Wir haben in unserem Häuschen einen eigenen Ofen und vor der Tür einen dicken Stapel Holz, so dass immer für genügend Wärme gesorgt werden kann. Das Essen ist sensationell: Buchweizenspaghetti mit farnartigem Gemüse und ganz viel Knoblauch, erwähnenswert sind auch die Buchweizenpfannkuchen zum Frühstück und speziell der Käse und der Apfelsaft – beides wird von einem schweizerischen Einwanderer vor Ort produziert und verkauft.

 

11.Tag – Besichtigung des Jambay (Jampa) Lhakhang, des Kurjey Lhakhang, des Tamshing Lhakhang und des Jakar Dzongs

 

Morgens nach einer reichhaltigen Stärkung machen wir uns auf den Weg, um zuerst den Jambay Lhakhang zu besichtigen. Lhakhang ist die Bezeichnung für einen Tempel bzw. für ein Heiligtum und ist meist Teil eines Klosters. Der Jambay-Lhakhang ist einer der 108 Tempel, die König Songtsen Gampo im 7. Jahrhundert, angeblich in nur einem (!) Tag erbaut haben soll, um eine gewaltige Dämonin zu besiegen. Sehr viele, sehr alte Pilger umrunden betend das Gebäude und wiederholen unermüdlich ihre Niederwerfungen.

Nach einer eher kurzen Besichtigung fahren wir weiter zum Kurjey-Lhakhang und sind schon bei der Ankunft beeindruckt von der imposanten Anlage. Entsprechend der Größe des Klosters lebt hier eine große Anzahl von Mönchen, denen wir bei ihren täglichen Verrichtungen zusehen können. Unter anderem beobachten wir eine Gruppe Kindermönche, die vom Lama unterwiesen werden, der ständig eine Kette mit dicken Holzkugeln vor sich her schwingt, die als Züchtigungsinstrument dient. Einer der Buben trägt nicht wie die anderen eine rote Kutte, sondern eine orangefarbene. Kinley erklärt, dass der Junge eine Reinkarnation eines Heiligen ist und eine absolute Sonderstellung hat. Wir besichtigen die gesamte Anlage und können auch bei einigen Zeremonien zusehen. Dank Namgay bekommen wir Einlass in die Schreibstube der Mönche, in der Gebetstexte geschrieben, zurechtgeschnitten und gerollt werden, sie sind späterer Inhalt der Gebetsmühlen. Faszinierend finden wir auch die Arbeit jener Mönche, die in kunstvoller Weise aus zum Teil gefärbter Yakbutter Opferskulpturen fertigen. Schließlich besichtigen wir den Fels, in dem Guru Rinpoche beim Meditieren seinen Körperabdruck hinterlassen hat.

Als wir wieder auf den großen Vorplatz hinaustreten, haben sich Massen von Pilgern in ordentlichen Reihen nebeneinander auf den Boden gesetzt und warten auf das Essen, das die Mönche gerade austeilen. Eine Horde streunender Hunde hat sich auch ganz sittsam aufgestellt, um vielleicht den einen oder anderen Brocken abzubekommen. Wir machen uns nun auf zu einer kleinen Wanderung am Fluss entlang zum Tamshing-Lhakhang. Das Wetter ist schön, aber mehr als 23 Grad hat es bestimmt nicht, trotzdem baden die Kindermönche im eiskalten Bergwasser aus dem Himalaja. Wir beobachten, dass der Reinkarnationsmönch, den wir vorhin gesehen haben, auch bei den badenden Kindern dabei ist und seine Vormachtstellung rigoros ausnutzt, indem er die anderen Mönche taucht und ärgert. Klar, ihm kann ja keiner etwas anhaben! Wir wandern über eine dieser spektakulären Hängebrücken, die die Kindermönche extra schnell rennend überqueren, um das Bauwerk ordentlich in Schwingung zu versetzen - uns wird dabei ganz mulmig zu mute.

Es geht weiter über Wiesen mit blühenden Obstbäumen und schon bald erreichen wir den Tamshing-Lhakhang. In diesem sehr alten Kloster werden wir Zeugen besonderer Vorbereitungen. Vor 3 Tagen ist der Lama dieses Klosters gestorben und nun wird alles für dessen Beisetzung hergerichtet. Unmengen von Opferschüsseln mit allem möglichen Essbaren – von Obst über Reis bis hin zum Schokoriegel - stehen auf den Gängen und werden von den Mönchen liebevoll drapiert. Der Leichnam soll aufrecht sitzend in den Schrein gesetzt werden und die Verwesung soll angeblich (?) völlig geruchlos vonstatten gehen. Normalerweise wird ein Leichnam auf einem Gerüst in Hockstellung vor dem Haus aufgebahrt. Es werden unzählige Rituale durchgeführt, um dem Bewusstseinsprinzip das Verlassen der körperlichen Hülle zu erleichtern. Dem Toten wird aus dem „Buch der Toten“ vorgelesen und er wird in den ersten Tagen symbolisch noch mit Nahrung versorgt. Frühestens 3 Tage nach dem Tod wird der Leichnam an einem astrologisch errechneten Termin verbrannt. Häufig wird aber im tibetischen Kulturkreis auch die so genannte Himmelsbestattung vollzogen, bei der nach dem Abhalten der Rituale der Leichnam zerteilt wird und den Geiern zum Fraß überlassen wird, diese tragen den Verstorben ins Bardo, einem Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt. Nach dieser interessanten Belehrung über die Bestattung im buddhistischen Kulturkreis umrundet Kinley mit einem sehr schweren Kettenhemd noch 3 x das Heiligtum, so sollen ihm all seine Sünden erlassen sein.

Schließlich fahren wir zum Mittagessen in unsere Unterkunft und danach machen wir uns auf den Weg zum Jakar Dzong. Leider ist das Innere verschlossen, sodass wir nur eine Außenbesichtigung vornehmen können, die aber bei der Größe dieses Dzongs auch einige Zeit in Anspruch nimmt. Auch die Käserei und die Brauerei des schweizerischen Einwanderers können wir nur zum Teil besichtigen, da der gute Mann nicht zu Hause ist und die Gebäude gerade renoviert werden. Später begeben wir uns in das Städtchen Jakar und wundern uns, dass so viele Menschen am Straßenrand warten und Zweige räuchern. Schließlich fährt ein dickes Auto langsam die Straße entlang, in dem ein ebenso dicker Mönch sitzt und den Wartenden aus dem Auto heraus durchs offene Fenster seinen Segen erteilt. Später erfahren wir von Kinley, dass dies der oberste Lama von ganz Bhutan war und dass wirklich jeder Bhutaner sehr erpicht darauf ist, von ihm gesegnet zu werden. Namgay und er sind ganz stolz und glücklich, dass es ihnen beiden gelungen ist, einen Segen abzubekommen. Wir schlendern weiter durch das Städtchen, lernen eine junge Polin kennen, die wegen ihrer Abschlussarbeit für die Uni durch Bhutan reist und machen schließlich noch die Bekanntschaft mit 2 jungen Damen, die unbedingt fotografiert werden wollen und uns ihre Adressen geben, damit wir ihnen von zu Hause aus die Fotos zuschicken können (was wir nicht vergessen haben). Wieder in unserer Lodge angekommen, trinken wir Tee, lassen unsere Hütte einheizen und gehen nach dem Abendessen schon bald ins Bett.

 

12.Tag – Ausflug ins Uratal

 

Nachts hat es geregnet und noch immer hängen dicke schwarze Wolken über den Bergkuppen. Trotzdem brechen wir nach dem Frühstück Richtung Ura auf. Die Straßen sind regelrecht überschwemmt und der Himmel öffnet schon wieder seine Schleusen, Bauern stehen bis zu den Waden in den Reisfeldern, die hier versuchsweise angelegt wurden und trotzen dem Wetter. Das weidende Vieh sieht recht betreten in die Gegend. Das Wetter wird immer schlechter, es hagelt jetzt sogar. Zu allem Übel ist es Roland vom Fahren auf der kurvenreichen Strecke schlecht geworden, er hat wieder mal seine Reisetabletten vergessen einzunehmen. Er steigt aus und läuft für eine halbe Stunde im Regen, bis es ihm wieder etwas besser geht.

Als wir das Dorf Ura erreichen, bessert sich auch das Wetter, sogar die Sonne lässt sich zwischen den Wolken sehen. Wir gehen zum Ura-Lhakhang, leider ist der Tempel verschlossen. Dafür üben einige junge Burschen auf dem großen Platz davor die Tänze für das demnächst stattfindende religiöse Festival. Anschließend laufen wir durch das mittelalterlich anmutende urige Dörfchen und sehen dort – ganz passend – einen Bauern, der sein Feld mit dem Ochsengespann pflügt. Ura liegt auf einer Höhe von 3100 m, es wird hauptsächlich Kartoffelanbau und Schaf- bzw. Yakzucht betrieben. Schließlich machen wir uns auf den Weg zurück zum Ura-Pass (3600 m) und verspeisen dort bei einigermaßen gutem Wetter unser mitgebrachtes warmes (!) Picknick. Kaum sitzen wir wieder im Auto, fängt es noch schlimmer zu regnen an als vorher. Die Wanderung, die wir eigentlich im Ura-Tal unternehmen wollten ist regelrecht ins Wasser gefallen. So sind wir schon um 15.30 Uhr zurück und wissen nicht recht, was wir jetzt machen sollen, gehen dann aber noch ein wenig in der Umgebung der Lodge spazieren, allerdings unter einem sehr, sehr finsteren Himmel. Wir treffen ein paar junge Mönche, die uns ansprechen und fragen, ob sie ein Foto von uns machen dürfen (natürlich mit ihrem Handy – jeder Mönch hat eines). Als wir zurückkommen treffen wir unsere Mitwanderer von vor ein paar Tagen: Claire und Lutz – sie schlafen heute auch hier. So verbringen wir wieder einmal einen netten gemeinsamen Abend und tauschen Reiseerlebnisse aus.

 

13. Tag – Rückfahrt nach Wangdue über Gangtey - Beobachtungszentrum für Schwarzhalskraniche

 

Morgens frühstücken wir noch gemütlich mit Lutz und Claire, bevor wir uns auf den Weg zurück nach Wangdue machen, eine lange Autofahrt liegt vor uns. Das Wetter ist wieder einigermaßen gut und nach dem Mittagessen laufen wir ein Stück, bis zu einem Stupa, in dessen Nähe einige Touristen einem Pseudofestival zuschauen und sehr vergnügt bei den Tänzen mitmachen. Wir treffen hinter einer Mauer auf ein paar Burschen in sehr bunten Kleidern, die dabei sind Tänze zu üben. Als sie uns bemerken geben sie uns eine kleine Privatvorstellung, um uns von ihren akrobatischen Fähigkeiten zu überzeugen.

Wir aber müssen weiter – Kilometer fressen! Unterwegs sehen wir Unmengen von Rhododendren und Zwergbambus, der das Lieblingsfutter der Yaks ist. Schließlich kommen wir in das Gangtey-Tal und besichtigen das hiesige Kloster. Ein paar Mönchen wird im Klosterinnenhof soeben der Kopf kahl rasiert, da die Klinge wohl nicht sonderlich scharf ist, jammert einer der Mönche und stellt sich ziemlich an bei der ganzen Prozedur. Das Kloster ist teilweise renoviert, die Arbeiten sind aber noch nicht ganz abgeschlossen. An der Außenfassade sind hunderte von seltsamen Figuren, alles handgeschnitzt und bunt bemalt.

Wir fahren ein Stück weiter ins Phobjikha-Tal, welches der Überwinterungsplatz der Schwarzhalskraniche ist. Hier gibt es ein Beobachtungs- und Informationszentrum, von dem aus man mit großen Fernrohren die Tiere beobachten kann. Da aber jetzt schon April ist, sind die Kraniche schon längst weggeflogen, nur ein Paar, von dem einer scheinbar einen gebrochenen Flügel hat, ist zurückgeblieben. In der Station ist ein kleiner, frecher, 6 Wochen alter Welpe, ein richtiger Wirbelwind, als ihn sein Herrchen auf den Arm nimmt, ist er aber plötzlich sanft wie ein Lamm. Im weiten Tal gibt es viele Bauernhöfe, die Menschen gehen ihrer Arbeit nach und eine Menge frisch geborene Kälber sind auf den Weiden zu sehen. Wir aber müssen weiter, das letzte Stück bis Wangdue schaffen wir auch noch.

Als wir endlich ankommen und unser Zimmer bezogen haben, haben wir zum ersten Mal die Möglichkeit fernzusehen. Wir schauen die BBC Nachrichten, denn wir möchten schon gerne wissen, ob unsere Heimreise wegen des Vulkanausbruchs auf Island gefährdet ist. Wir hören, dass sämtliche Flüge über Europa 1 Woche lang gecancelt waren, dass aber der Flugverkehr nun langsam wieder aufgenommen wird. Nun, dann müssen wir wohl doch planmäßig wieder nach Hause fliegen. Obwohl wir heute fast nur im Auto gesessen sind, sind wir überraschend müde und gehen nach dem Essen und dem Entfernen einiger Kakerlaken bald ins Bett.

 

14. Tag –Thimphu Gemüsemarkt – Fahrt ins Haa-Tal

 

Nach dem Frühstück geht es weiter Richtung Thimphu. Wir machen wieder am Dochola-Pass Pause, das Wetter ist zwar gut heute, aber so klar, dass man einen Blick auf die 7000er werfen kann, ist es leider doch nicht. Heute ist ein buddhistischer Feiertag und eine Menge Leute sind unterwegs. Viele pilgern auf diesen Pass, beten im Tempel, der ganz oben auf dem Berggipfel steht und bringen Opfergaben. Wir steigen auch zum Tempel hinauf und werfen einen Blick hinein. Eigentlich hat Namgay mit seiner Familie ausgemacht, dass wir uns mit ihnen hier oben treffen, wir sind wohl etwas zu früh dran, also fahren wir weiter. Nach einigen Kilometern kommt uns das Auto mit Namgays Leuten aber prompt auf der Strasse entgegen, wir halten natürlich an und die Freude ist groß, vor allen Namgays Kinder freuen sich, ihren Vater endlich einmal wieder zu sehen. Wir machen Fotos und müssen natürlich versprechen, dass wir sie, wenn wir wieder zu Hause sind, per E-Mail schicken. 

In Thimphu angekommen, machen wir uns auf den Weg zum Gemüsemarkt. Nach einem kurzen Marsch durch die Stadt staunen wir nicht schlecht, als wir beim Markt ankommen - er ist riesig, über 2 Stockwerke hinweg gibt es alles, was das Herz begehrt, darunter Obst- und Gemüsesorten, die wir noch nie gesehen haben, aber auch Berge von Reis, Chilis, Butter und Käse. Nach dem Mittagessen wollen wir einen original bhutanischen Bambusbogen kaufen und werden mit Hilfe von Namgay und Kinley schnell fündig.

Danach geht es weiter in Richtung Haa-Tal. Das Haa-Tal ist noch relativ unerschlossen und landschaftlich wunderschön, aber leider sind hier einige Gebiete Übungsgelände der indischen Armee und verschandeln mit ihren umzäunten Arealen ein wenig die Landschaft. Das kleine Hotel, in dem wir die kommende Nacht verbringen werden, liegt aber abseits dieser Schandflecken und macht einen sehr netten Eindruck. Direkt von unserem Zimmer aus hat man einen herrlichen Blick auf die 3 fast identisch aussehenden Berge, die das Haa-Tal beherrschen und den Menschen hier sehr heilig sind. Sie verkörpern 3 Bodhisattvas (Erleuchtungswesen) und gelten als Beschützer des Buddhismus und des Haa-Tals. Wir sehen uns nun das winzige Städtchen Haa an und kommen mit vielen Menschen in Kontakt, sie sind auch hier sehr aufgeschlossen und neugierig. Es gibt einige kleine Geschäfte, in denen es alles für den täglichen Bedarf zu kaufen gibt, aber auch chinesische Produkte sind hier zu finden - Tibet ist nur 3 Tagesfußmärsche entfernt. Die Jugendlichen spielen auf der Straße Carrom, es geht dabei recht laut und wild zur Sache und ihnen zuzuschauen macht richtig Spaß.

Nach dem Abendessen sitzen wir noch lange mit Namgay und Kinley zusammen und tauschen uns wieder einmal über die verschiedenen Kulturen aus. Es ist kalt im Haa-Tal und deshalb ist im Speisesaal der große gusseiserne Ofen gut eingeschürt und schafft dadurch eine recht gemütliche Atmosphäre, vor allem auch deshalb, weil draußen ein heftiges Gewitter tobt.

 

15.Tag – Rückfahrt über den Chelela-Pass nach Paro – Heimatmuseum

 

Schon um 6.00 Uhr wachen wir auf und blicken in einen wolkenlosen, klaren Himmel. Zum Glück bekommen wir schon so früh etwas zum Frühstück, denn wir wollen vor der Weiterfahrt noch ein wenig die Gegend erkunden. Mit der Kamera bewaffnet gelingen noch ein paar schöne Aufnahmen im stimmungsvollen Morgenlicht und danach brechen wir auf zu Bhutans höchstem befahrbarem Pass, dem Chelela (3988 m). Die Serpentinen ziehen sich durch eine malerische Landschaft, hie und da grast ein Yak und man begegnet keiner Menschenseele. Je höher wir gelangen, desto spärlicher wird die Vegetation, als wir schließlich den Gipfel erreichen, weht ein heftiger Wind und wir sind beeindruckt von den Millionen Gebetsfahnen, die hier oben im Wind flattern. Man hat eine herrliche Aussicht auf die Himalajagebirgswelt und die Hänge sind übersäht von violetten Bergprimeln. Als wir den Pass auf der anderen Seite wieder herunterfahren, gelangen wir bald in eine hügelige Berggegend, in der schon wieder Ackerbau betrieben wird, sanft fällt die Landschaft ab ins Parotal, das eine der wenigen Ebenen Bhutans bildet. Namgay fährt uns zu einem sagenhaften Aussichtspunkt, von dem man einen perfekten Blick auf Paros Flughafen hat.

Nach dem Mittagessen in der Stadt besuchen wir das Heimatmuseum von Paro, es ist im Wachturm des Dzongs untergebracht. Über 6 Etagen verteilt, gibt es Waffen, alte Kleidung, religiöse Gegenstände, Malereien, sowie Fotos der Königsfamilie zu sehen. Besonders schön ist die außergewöhnliche Briefmarkensammlung, mit exotischen Motiven, 3D-Marken und Marken in Schallplattenform zum Abspielen. Nach dem Museumsbesuch bummeln wir noch einmal durch die Stadt, um Mitbringsel zu kaufen. Schließlich bringt uns Namgay auf die Idee in einem Computerladen einen USB-Stick zu besorgen, damit er uns dort die original bhutanische Musik, die wir die ganze Zeit im Auto gehört haben, kopieren lassen kann – super Idee! 

Nach dem Abendessen sitzen wir noch eine Weile mit Namgay und Kinley zusammen und lassen schon etwas wehmütig die letzten 2 Wochen Revue passieren, dann machen wir uns ans Packen, denn morgen fliegen wir zurück nach Delhi.

 

16. Tag - Flug nach Delhi – Delhi Stadt

 

Nach einem ausgiebigen Frühstück brechen wir auf und machen noch einen Abstecher zum Bogenschießplatz – wir wollen die Schützen noch Filmen und Fotografieren. Dann am Flughafen ist es Zeit Abschied zu nehmen von unseren Guides und von diesem wunderschönen Land. In der Abfertigungshalle geht alles recht schnell, es dauert nicht lange und wir sitzen im Flugzeug zurück nach Delhi. Während des Landeanflugs auf Delhi bekommt ein Mädchen einen Panikanfall und Nasenbluten. Als wir in Delhi auf unser Gepäck warten sehen wir sie wieder, sie läuft hoch erhobenen Hauptes – keine Spur von Angst und Panik – neben ihrem Vater und ich denke, ich sehe nicht richtig: ihre Füße stecken in durchsichtigen Minipumps in deren Absätze ein grell blaues Blinklicht eingebaut ist! Die Welt hat mich wieder – zurück im Wahnsinn, Ade beschauliches Bhutan!

Wir suchen ewig nach dem Lufthansabüro, um uns den Rückflug für morgen nach München bestätigen zu lassen, mindestens eine Stunde brauchen wir, um die Gewissheit zu bekommen, dass trotz Vulkanausbruch unser Flug laut Zeitplan stattfindet. Dann organisieren wir uns ein Prepaid-Taxi und wundern uns mal wieder über den irren Verkehr, der auf Indiens Straßen herrscht. Nach dem sich der Fahrer 3 Mal verfahren und Passanten gefragt hat, findet er endlich unser Hotel. Nur kurz ruhen wir uns aus, um uns dann ins Gewühl zu stürzen. Es hat 40° Grad, aber egal, wir wollen noch ein bisschen shoppen und vor allem Leckereien an den Essensständen probieren. Es ist schon ein leichter Kulturschock, wenn man nach einem Land wie Bhutan einen Nachmittag in Indiens Hauptstadt verbringt, aber die Vielfalt und die Gegensätze machen so eine Reise erst richtig interessant. 

Abends essen wir vorzügliche indische Küche im Hotel und gehen danach bald ins Bett, denn morgen werden wir um 5 Uhr vom Taxi abgeholt.

 

17.Tag Rückflug nach München

 

Nachdem ein Missverständnis geklärt werden musste – es warteten 2 Taxis auf uns, eines schon seit einer halben Stunde (aber besser 2 als keines!) – sind wir nun auf dem Weg zum Flughafen. Wir sind dennoch recht früh dran und dann fast etwas sauer, als wir am Flughafen erfahren, das unser Flug 65 Minuten Verspätung hat. Nun gut, dann gehen wir erst mal ausgiebig frühstücken. Pünktlich um 10 Uhr starten wir dann nach neuem Flugplan und landen um 14.30 Uhr in München. Wir werden vom Flughafentaxi abgeholt und werden, wie nach jeder unserer Reisen, von der weltbesten Haus-, Hof- und Hundesitterin – meiner Mama – mit Kaffee und Kuchen empfangen.

 

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